Gibt es einen Unterschied zwischen Taijiquan und Qigong?

Artikel von Nabil Ranné (2009)

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Neigong Tushuo von Wang Zuyuan, 1882

Qigong (chin. 气功 - Qìgōng) bedeutet wörtlich übersetzt "Energiearbeit" und bezeichnet Übungen, die das Qi, also die Lebenskraft des Menschen, kultivieren sollen. Hierbei heißt "Qi" also "Energie" und "Gong" bedeutet "Arbeit". Es ist dabei zu beachten, dass der Terminus des Qigong ein Sammelsurium unterschiedlicher Übungen umfasst, von Dehn-Übungen hin zu Atem-Übungen, Laut-Übungen und vielem mehr. Die Dehn-Techniken werden gemeinhin Daoyin (chin. 导引 - Dǎo Yǐn), Leiten und Dehnen, genannt. Die Atem-Techniken werden als Tuna (chin. 吐纳 - Tǔnà) bezeichnet, was wörtlich „ausstoßen und aufnehmen“ heißt und sich möglicherweise auf den Satz des daoistischen Klassikers Zhuangzi (369-286 v. Chr; chin. 庄子 - Zhuāngzǐ) bezieht: „[...], das Alte ausstoßen und das Neue aufnehmen, zu hängen wie ein Bär und sich zu dehnen wie ein Vogel, damit man ein langes Leben erlangt, sonst nichts“ (chin. 吐故纳新, 熊经鸟申, 为寿而已矣 - Tǔ gù nà xīn, xióng jīng, niǎo shēn, wéi shòu èryǐ yǐ)1.

 

Übungen gefunden in Mawangdui1973 wurden in der Provinz Hunan die sogenannten Mawangdui Gräber (chin. 马王堆 - Mǎwángduī) entdeckt, die die „illustrierten Leit- und Dehnübungen“(导引图 - Dǎo yǐn tú) enthielten (siehe Bild links). 1983 folgte der Fund des “Buches der Dehnübungen” (chin. 引书 - Yǐn shū) in der Provinz Hubei. Beide Funde werden gemeinhin auf das zweite Jahrhundert v. Chr. datiert und zeugen von einer bereits hoch entwickelten Form der Körperübung im Sinne des Qigong2. Der berühmte Arzt Hua Tuo (ca. 145-†208; chin. 华佗 - Huà Tuó) erdachte einige Jahrhunderte später die bekannten „Fünf Tier Übungen“ (chin. 五禽戲 – Wǔ qín xì). So heißt es bei ihm: „Ich selbst habe eine Reihe von Übungen entwickelt, die ich die ‚Fünf Tier Übungen’ nenne. Die fünf Tiere sind der Tiger, der Elch, der Bär, der Affe und der Vogel. [...] Immer, wenn ein Unwohlsein im Körper gefühlt wird, sollte eines der Tiere geübt werden, bis man frei heraus schwitzt.“3 Diese Übungen wurden wohl recht populär und auch hundert Jahre später noch weithin geübt. Wie in heutigen chinesischen Kampfkünsten ebenfalls gebräuchlich, wurden damals also spezielle Bewegungsabfolgen trainiert und mit Tiernamen belegt. Diese Art Gymnastik enthielt allerdings häufig auch magisch-religöse Züge (vgl. Harper, 1999, S.883f.). Obwohl die Übungen an sich sehr alt sind, findet der konkrete Begriff Qigong erst in der Tang-Dynastie (618-907) Erwähnung und wird 1957 erstmalig von dem Arzt Liu Guizhen (1920-1982; chin. 劉貴珍) auf die heutige übergeordnete Weise genutzt (vgl. Miura, 1989; auch YeYoung, o.J.).

Abbildung aus Chen Xins Buch zum TaijiquanTaijiquan hingegen wurde im 17. Jahrhundert als Kampfkunst entwickelt. Diese basiert zwar auf den gleichen theoretisch-philosophischen Grundüberlegungen wie das Qigong, wie beispielsweise der Energie- und Meridianlehre und der Theorie von Yin und Yang (vgl. Abb. rechts). Aber Taijiquan nutzt diese vornehmlich zur Körperkräftigung und zur Entwicklung einer spezifischen Geisteshaltung im Rahmen seiner martialischen Anwendungen (zur Entstehung des Taijiquan vgl. Ranné, 2008). Beim Üben des Taijiquan betreibt man dem chinesischen Verständnis nach ebenfalls fortwährend "Energiearbeit", also Qigong, und praktiziert ähnlich benannte, durchchoreographierte Bewegungsabfolgen. Diese sind allerdings ausnahmslos kämpferisch nutzbar und verlieren ihren Sinn, wenn sie nicht mit entsprechender Intention und dafür notwendigen Kraftverläufen ausgeführt werden. Taijiquan könnte aber als eine Art des Qigong betrachtet werden, wenn Qigong einen übergeordneten, generischen Begriff meint.

Häufig wird der Begriff des Qigong allerdings angewendet, um bestimmte Übungen aus dem System des Taijiquan zu bezeichnen, die scheinbar keinen Kampfkunst-Aspekt beinhalten. Hier merkt man schon: Die Begrifflichkeiten enthalten wenig wissenschaftliche Trennschärfe, sondern sie sind eher alltagssprachlicher Natur. Grundsätzlich kann man anmerken, dass Taijiquan ein so komplexes und umfassendes System ist, dass Taijiquan und Qigong normalerweise zwar als verwandte, aber dennoch als unterschiedliche Künste definiert werden, von denen erstere konkrete Kampfkunstaspekte umfasst und letztere nicht.

Innerhalb des Taijiquan wird nichtsdestotrotz immer wieder darauf hingewiesen, dass die Aspekte der inneren Kräftigung und der Atemarbeit auch für das Üben der Boxkunst von großer Bedeutung sind.

Feng Zhigiang demonstriert innere Übungsaspekte beim Taijiquan:

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Fußnoten:

1 Eigene Übersetzung in Anlehnung an das Englische nach Chuang Tzu & Watson, 1968

2 Für eine kritische Betrachtung der Datierung siehe Carrozza, 2002

3 Aus dem Englischen von Despeux, 1989, S.242

Bibliographie

Carrozza, P. (2002). A Critical Review of the Principal Studies on the Four Manuscripts Preceding the B Version of the Mawangdui Laozi. B.C. Asian Review, 13(1), 49–69.

Chuang Tzu; Watson, & Watson, B. (1968). The complete works of Chuang Tzu. New York: Columbia Univ. Press.

Harper, D. (1999). Warring States Natural Philosophy and Occult Thought. In M. Loewe & E. L. Shaughnessy (Hrsg.), The Cambridge history of ancient China (clone) - from the origins of civilization to 221 B.C (S. 813-884). Cambridge [u.a.]: Cambridge Univ. Press.

Despeux, C. (1989). Gymnastics: The Ancient Tradition. In L. Kohn (Hrsg.), Taoist meditation and longevity techniques (Vol.61, S. 225-261).

Miura, K. (1989). The Revival of Qi: Qigong in Contemporary China. In L. Kohn (Hrsg.), Taoist meditation and longevity techniques (Vol.61, S. 331-362). Ann Arbor: Center for Chinese Studies, Univ. of Michigan.

Ranné, N. (2008). Der Begründer des Taijiquan: Chen Wangting. In J. Silberstorff (Hrsg.), Schiebende Hände: Die kämpferische Seite des Taijiquan (S. 89-97). LOTUS-PRESS.

YeYoung, B. F. (o.J.). Qi Gong. Erhältlich: http://www.literati-tradition.com/qigong_intro.html

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