Interview zum Taijiquan

Ein Gespräch mit Chen Yu

Von Petr Osipov

Interview des TV-Kanals "Der Kämpfer" im Oktober 2009. Mit freundlicher Genehmigung von Petr Osipov erscheint hier eine Übersetzung ins Deutsche. 

 

"Meine Vorfahren stammen aus der Provinz Shanxi. Sie zogen später in die Provinz Henan und gründeten das Dorf Chenjiagou ('Der Graben der Familie Chen'). Der Gründer Chen war Regierungsbeamter. Im Laufe der Zeit fing man in diesem Dorf an, eine Kampfkunst zu entwickeln, die man heute 'Taijiquan (Tai-Chi-Chuan) der Familie Chen' nennt.
   
 
Ursprünglich war das Training nur unter Familienmitgliedern üblich. Früher gab es keine Trennung in die verschiedenen Stile des Taiji (Tai-Chi), Chen-Stil, Yang-Stil usw. Die allmähliche Entwicklung und Verbreitung des Taijiquan der Chen-Familie ereignete sich nach meinem Urgroßvater Chen Changxing, der Neuankömmlinge aus anderen Gebieten unterrichtete, der Erste davon hieß Yang Luchan. Er war als Diener angestellt und zeigte großes Interesse, hart zu trainieren.
   
Anschließend kehrte Yang Luchan nach Hause zurück und reiste später wiederum nach Peking, wo er viele Menschen unterrichtete. Er bildete auch eine Zeit lang Beamten am Kaiserpalast aus. Da die Bewegungen für diese sehr komplex waren, vereinfachte er sie, damit sie trotzdem ihre Gesundheit mit den Bewegungen verbessern konnten. 
   
Die Kinder und Enkel von Yang Luchan waren auch gute Meister des Taijiquan. Sie hatten eine weichere Art der Ausführung und ihre Kunst legte den Grundstein für eine weitere Entwicklung im Taiji, die heute als der Yang-Stil bekannt und sehr beliebt ist.
  
Im Jahre 1928 kam mein Großvater Chen Fake nach Peking. Er vertritt die 17. Generation der Chen-Familie und war ein großartiger Meister des Taijiquan und ein echter Kämpfer. Dank seiner Ankunft konnte sich unsere Familien-Kampfkunst nun in Peking weiterentwickeln. Zusammen mit meinem Großvater kam mein Vater nach Peking, der noch ein Kind war. Mein Vater studierte den Familienstil ebenfalls und war sehr hartnäckig in der Ausbildung. In seiner Jugend trug er den Spitznamen 'wunderbare Faust', weil er die komplexen Bewegungen so eindrucksvoll ausführen konnte.  Auch mein Vater began später, unsere Tradition zu lehren.
  
Im Jahre 1962 ging mein Vater auf Einladung nach Shanghai und unterrichtete dort eine Menge Leute. Ich wurde 1962 geboren. Das war eine sehr schwierige Zeit. Als die Kulturrevolution kam, kehrte mein Vater nach Peking zurück. Während dieser Zeit war er arbeitslos, weil es ein Unterrichts-Verbot gab und die Behörden alle verfolgten, die Taijiquan unterrichten. Damals lebte meine Familie unter sehr schlechten Bedingungen. Nur gelegentlich konnte mein Vater abends heimlich lehren und meiner Familie so etwas Geld für Lebensmittel besorgen. Die Polizei erfuhr davon und suchte nach ihm.
Ich erinnere mich, dass mein Vater in den frühen Siebzigern einmal ein paar Schüler Zuhause unterrichtete und dass die Polizei kam und alles durchwühlte. Es war wirklich sehr beängstigend. Mein Vater versteckte die gesamten Trainingsgeräte, er wurde bedroht und gedemütigt.
  
Diese Zeit war sehr schwierig. Auf der Straße konnte man leicht in Schlägereien verwickelt und sogar getötet werden. Mein Vater musste sich für eine Weile ganz vor den Behörden verstecken. Er befürchtete, dass mit ihm das Gleiche geschehen könnte, wie mit vielen anderen Kampfkunst-Meistern dieser Zeit...
  
Es gab ein generelles Verbot, Kampfkünste zu unterrichten. Daher musste mein Vater, auch aufgrund der Überwachung, eine neue Arbeit finden, um seine Familie zu ernähren. Damals war ich gerade in der Schule. Für unsere Familie waren dieses einige schwierige Jahre. Und unsere Familie wurde getrennt und meine Eltern wurden geschieden. Während der Kulturrevolution litt der Gesundheitszustand meines Vaters beträchtlich. Ich kann die Schwierigkeiten dieser Zeit noch nachfühlen, aber unter diesen Umständen begann ich unter der Anleitung meines Vaters, sehr ernsthaft unseren Familienstil zu trainieren.
  
Nach der Scheidung war ich zwar mit meiner Mutter in die Provinz Shandong gegangen und lebte dort für vier Jahre. Aber nach diesen vier Jahren kam ich nach Peking, um meinen Vater zu finden. Ich fand ihn und begann, mit ihm zu leben und Taijiquan zu lernen und ihm bei der Ausbildung zu assistieren. Jetzt unterrichte ich Menschen in China und in anderen Ländern. Auch in diesen Ländern gibt es inzwischen einige meiner Schüler. Taijiquan ist sehr nützlich für Menschen aller Altersgruppen, ob jung oder alt. Neben meinen vielen jungen Schülern in China habe ich auch einen, der seit 70 Jahren Taijiquan praktiziert. Und das tut er jeden Tag. In Hong Kong habe ich eine Frau bei meinen Seminaren, die 80 Jahre alt ist und vor zwei Jahren begann, zu üben, um Ihre Gesundheit zu verbessern.
  
Heute ist Taiji wichtig für die Gesundheit. Wenn man nicht gesund ist, dann ist alles im Leben problematisch. Deshalb kann ich nur anraten, Taiji zu üben. Ich bin nicht das erste Mal in Moskau. Ich komme hierher, um den Menschen auch die chinesische Kultur zu zeigen, und ich habe hier einen Schüler und er hat wiederum Schüler, die mit ihm Taijiquan studieren. Als ich noch Kind war und gerade erst mit dem Taiji-Lernen angefangen hatte, mochte ich es nicht besonders. Aber mein Vater war sehr streng mit mir in der Ausbildung. Und ich musste als Chen-Familienmitglied unbedingt hart trainieren. Irgendwann entwickelte ich echtes Interesse. Gerade auch, nachdem ich begonnen hatte, die Inhalte des Taijiquan mit meinem Intellekt wirklich zu verstehen. 1976 schon half ich meinem Vater und unterrichtete einige Menschen. Nach dem Tod meines Vaters setzte ich seine Arbeit fort und unterrichtete mehr Menschen in unserem Familienstil in der Art und Weise, die ich von meinem Vater gelernt hatte. Viele Menschen mögen unseren Stil, in dem Stärke und Weichheit kombiniert werden.
  
Ich empfinde Taijiquan nicht als etwas Schwieriges [oder Mysteriöses], das über die menschlichen Fähigkeiten hinausgeht. Vielmehr sollte man das Training ernst nehmen und man kann sich dann sicher sein, dass es sehr interessant wird und man nicht mehr leicht damit aufhören kann. Taijiquan betrifft schlussendlich nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Ich habe viele Schüler aus anderen Kampfsportarten und auch aus anderen Stilen des Taijiquan. Zum Beispiel habe ich in Singapur ist einen 70-jährigen Schüler, der mir erzählte, dass er früher, als er noch einen anderen Stil praktizierte, fast nie im Unterricht geschwitzt hatte, und dass er nun die ganze Trainingszeit über schwitzt. Schweiß beim Training ist gut, es ist auch für die Gesundheit sehr gut, und nur so ist es ein komplexer Ganzkörper-Workout.
  
Heutzutage ist es nicht mehr wie vor 100 oder mehr Jahren. Die Welt hat sich verändert. Heutzutage ist Taiji zunächst einmal für die Gesundheit da und dann erst dann für die Kampfkunst und die sportlichen Aspekte. Viele meiner Schüler haben bereits ihre Gesundheit durch die Übungen verbessern können. Diverse Erkrankungen waren darunter... Im Gegensatz zu vielen Stilen ist Taiji für alle Altersgruppen geeignet. Es hat einen guten Rhythmus und unser Stil kann eben gleichermaßen für die eigene Gesundheit als auch für die Entwicklung der Kampffertigkeit trainiert werden." 
  

Chen Yu zeigt Fali:

 

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