Von Marnix St. J. Wells (2005)

Mit freundlicher Genehmigung von Marnix Wells findet sich hier in der Übersetzung von Nabil Ranné ein kurzer Ausschnitt aus dem Buch „Scholar Boxer - Chang Naizhou’s Theory of Internal Martial Arts and the Evolution of Taijiquan“ (S. 1-2; ISBN 1-55643-482-0).

Hin zu einer Philosophie des Kampfes

Chang Naizhous Erbschaft

Weder der massive daoistische Tempel des Kriegsgottes auf dem Berg Wudang (Hubei), der von dem Ming Kaiser Yongle 1418 erbaut wurde, noch das buddhistische Shaolin Kloster, welches 1928 absichtlich von dem Warlord Shi Yousan in Flammen gesetzt wurde, bewahrten eine umfangreiche kämpferische Philosophie auf. Hierfür müssen uns wir den wenigen kryptischen Passagen des „Taijiquan Klassikers“ zuwenden, der 1881 von Li Yiyu editiert wurde. Doch es gibt noch eine komplettere Quelle aus dem vorausgegangenen Jahrhundert, die viele ähnliche Ideen bereits antizipiert und umfangreich erörtert. Diese besteht aus den Schriften von Chang Naizhou (1724-1783), dem „Gelehrtenboxer“ (ruquanshi).

Chang Naizhou stammte aus Sishui in der Provinz Henan, am südlichen Ufer des Gelben Flusses. Im Süden, weniger als fünfzig Meilen Luftlinie, liegen der Tigerkäfigpass (Hulaoguan) und die Hänge vom Berg Song, des „zentralen“ chinesischen Berges, auf dem sich das Shaolin Kloster befindet. Im Norden, über den Gelben Fluss, aber noch in Henan, liegt Chenjiagou, das Dorf, welches als die Heimat des Taijiquan berühmt geworden ist. Im Westen ist Luoyang, „Hauptstadt der Neun Dynastien“, im Osten Zhengzhou, die königliche Stadt der Shang und weiter am südlichen Ufer entlang Kaifeng, die Hauptstadt der Nördlichen Song. Dieses also war die Heimat von Chang Naizhou, dem „Gelehrtenboxer“.

Hier, in der Wiege der chinesischen Geschichte, im 18. Jahrhundert auf dem Höhepunkt der Qing-kaiserlichen Macht zur sechzigjährigen Regierungszeit von Qianlong (1736-1795), befinden wir uns am Scheideweg von inneren und äußeren Kampfkünsten; von Shaolin und Taijiquan, Xingyiquan und Baguazhang; Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus und einem Anflug von Schamanismus. Doch dieses ist eine Welt politischer Unterdrückung und eine Region, die für Hungersnöte und Banditentum bekannt ist.

1727 hatte der mandschurische Qing Kaiser Yongzheng (r. 1723-1735) ein Edikt zur Unterdrückung der Kampf- und Boxkünste des chinesischen Volkes erlassen. Hauptgrund hierfür war die Beteiligung subversiver Sekten [an den Kampfkunstgemeinschaften]. Bücher über Kampfkünste konnten erst nach dem Fall des Qing Kaiserreiches 1911 wieder veröffentlicht werden. Zwischen dem Aufblühen von Kampfkünsten im 16. und 17. Jahrhundert und ihrem langsamen, kontinuierlichen Wiederauftauchen nach der Lockerung der kaiserlichen Kontrolle ab dem 19. Jahrhundert führte dieses zu einer großen Lücke an detaillierten Informationen. Changs Schriften aber ermöglichen uns einen Blick in das 18. Jahrhundert. Sie können uns helfen, eine entscheidende Kluft zu überwinden zwischen dem Bericht über die „Innere Schule“ des Boxens aus Zhejiang, der von Huang Zongxi (1610-1695) und seinem Sohn Baijia hinterlassen wurde, und dem Manuskript des „Taijiquan Klassikers“ von Li Yiyu (1832-1892) aus Hebei.

Chang macht den ersten datierbaren Versuch, Kampfkünste mithilfe der Begrifflichkeiten des „Taiji“, des „Großen Firstbalkens“, und seinen gegensätzlichen Kräften von yinyang, „Schattig und Sonnig“, zu erklären. Der Leser findet hier ein System von Physiologie, qigong Energiekultivierung und explosiven Anwendungen aus der praktischen Selbstverteidigung vor. Und das alles geschieht vor einem Hintergrund von Alchemie, Kunst, Ethik, Geschichte, Humor, Medizin, Mythologie, Philosophie, Poesie, Religion und Strategie. Die dynamischen Positionen werden durch lebendige Skizzen illustriert. Atmung, qi Energie und Körperkoordination werden detailliert analysiert. Waffenlose Boxtechniken sowie Waffen, Soloübungen und Kampf sind allesamt eng ineinander verzahnt. [...]

Polare Dialektik und die Maid des Südlichen Waldes

Chang Naizhous intellektuelle Ressourcen sind ebenso wie diejenigen des „Taijiquan Klassikers“ das konfuzianische Buch der Wandlungen sowie die Vier Bücher: Die Analekten, Meng Zi, das Große Lernen sowie das Maß der Mitte. Dieses ist kaum überraschend, da der Neo-Konfuzianismus dem Erziehungssystem zugrunde lag. Es war eben diese Bewegung neo-konfuzianischer Denker (lixue) während der Song Dynastie, welche das Taiji Konzept als grundlegendes Prinzip aller Phänomene entwickelten und es zur dominierenden Ideologie des letzten Jahrtausends in China machten. Genau diese große Einheitstheorie liegt der Taijiquan Philosophie zugrunde.

Das Konzept des Taiji, des „Großen Firstbalkens“, ist zunächst einmal definiert im Appendix I-10 des Buches des Wandlungen und wird etwa auf das dritte Jahrhundert v. Chr. datiert. Dort ist es die erste Monade, die sich selbst kontinuierlich in zwei Hälften teilt, in quasi-zellularer Reproduktion: 1 > 2 > 4 > 8 > 16 > 32 > 64 ad infinitum. Dieses Prinzip der Teilung bedeutet, dass sich alle Phänomene binär entwickeln und so eine Kombination darstellen aus 1 und 0, wie in Leibniz‘ Theorie, oder „Schattig-Sonnig“, negativ und positiv, yinyang. Mit der Einführung des Buddhismus aus Indien in das Han China zu Anfang des ersten Jahrtausends kam auch die Idee der Leere (sunyata), die, gepaart mit Lao Zis Nicht-Existenz (wu) zur herrschenden Weltanschauung avancierte. Daraufhin entstand das Bedürfnis nach einem positiven physikalischen Prinzip und einer konfuzianischen, einheimischen und nationalen Identität. Die Taiji Einheitstheorie lieferte hierfür die Antwort.

Zhou Dunyi (1012-1073) interpretierte diese alte Idee einer sich auftrennenden Ur-Monade zur Zeit der Nördlichen Song als sowohl unendliche Leere als auch allererste Triebkraft und verband das Taiji Konzept mit der Theorie der Fünf Elemente. Die Cheng Brüder aus Luoyang, die weiter unten zitiert werden, adaptierten es als Eckstein eines geglätteten neo-konfuzianischen Bildungssystems, welches auf den Vier Büchern beruhte. Nach dem Fall des nördlichen Chinas an die Jurchen konsolidierte Zhu Xi (1130-1200) die neuen Gedanken im unbesiegten Süden. […]

1757 wurde ein Kompendium über Zhou Dunyis Taiji Theorie publiziert, welches eine Zeile von Hu Xu (1655-1736) enthielt: „Schattig und Sonnig verlassen einander nicht: sie haben gegenseitiges Bedürfnis und gegenseitig tauschende Wunder.“ Tang Hao sah diese Zeile als Ursprung des Satzes in der Taijiquan Theorie: „Sonnig verlässt Schattig nicht, Schattig verlässt nicht Sonnig. Nur, wenn Schattig und Sonnig sich gegenseitig ergänzen, ersinnen sie ‚verstehende Kraft‘.“

Changs [d.h. Chang Naizhou] älterer Bruder Shizhou autorisierte eine philosophische Studie zur Philosophie des Buches der Wandlungen und überreichte sie dem Gouverneur von Henan. Ein Ausschnitt wurde 1772 in die Enzyklopädie Si-ku Quanschu des Kaisers Qianlong von Ji Yun, dem Chefredakteur, eingefügt. Chang Naizhou selbst wandte die Theorie des Buches der Wandlungen auf praktische Physiologie an, um sowohl Gesundheit als auch Selbstverteidigung zu verbessern. So verwendet Chang die Zeile „Schattig und Sonnig ergänzen sich gegenseitig“, die wir gerade in der Taijiquan Theorie sahen, und auch Varianten davon an sieben Stellen. Ich habe bereits gezeigt, dass die Formulierung „hart und weich“ auf Cao Cao zurückgeht (155-200). Bzgl. des Speeres verwendet Chang „Schattig und Sonnig“ und bezieht dieses auf Schrittarbeit. Er benutzt „leer und voll“ für gewichtet und ungewichtet, genau wie die Taijiquan Theorie. […]

Ein bedeutendes Zitat, welches von Chang und der Taijiquan Abhandlung der Dreizehn Dynamiken Übung geteilt wird, lautet:

„Nach innen einen festen Geist,
nach außen zeige friedfertige Leichtigkeit.“
 
 

Chang nennt hier seine Quelle, wohingegen der Taijiquan Klassiker lediglich borgt. Diese Zeilen beinhalten die Kampflehre der „Maid des Südlichen Waldes“, die von Zhao Ye (ca. 150 n. Chr.) aus Zhejiang überliefert wird. Seine Frühlings-Herbst-Annalen von Wu und Yue beinhalten Instruktionen zum „Nahkampf“, die eben diese Maid dem Goujian von Yue mitgab und ihm damit half, die Wu im Jahre 473 v. Chr. zu stürzen, so dass er kurzzeitig zur Supermacht aufstieg. Als die Maid zum Wald zurückkehrte, besiegte sie einen Weißen Affen in menschlicher Gestalt, der sie herausforderte. Einheimische Küstentraditionen aus Zhejiang, der Heimat des Schwertmeister-Kalligraphen Wang Xizhi (306-365), der später gerühmt wurde für seine „inneren“ Boxfertigkeiten, liegen dieser Geschichte augenscheinlich zugrunde. Noch bemerkenswerter aber ist, dass Chang und die Taijiquan Abhandlung der Dreizehn Dynamiken Übung dieses einzigartige, vorher noch nie dagewesene Reimpaar teilen:

"Wenn er sich nicht bewegt, bewege ich mich nicht. 
Wenn er im Begriff ist, sich zu bewegen, bewege ich mich zuerst."
 
 

Dieses wird von Chang an drei unterschiedlichen Stellen benutzt und weiterentwickelt. Es erscheint nur ein einziges Mal, ohne Ausarbeitung, im Taijiquan Klassiker. Bei der Einschätzung von textlichen Entlehnungen ist die Seltenheit oder Einzigartigkeit von nicht anerkannten Zitaten ausschlaggebend. Das obige Reimpaar erscheint meines Wissens nach nicht in irgendeinem anderen, früheren Text. Zusammenfassend kann man sagen, dass Chang Naizhou, abgesehen von den klassischen Schriften, den einzigen Vorläufer zur Theorie des Taijiquan Klassikers darstellt.

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