Chen Peishan

Von Dietmar Stubenbaum

 

Artikel erschienen in Ausgabe 05/2005 der Cultura Martialis, Journal der Kampfkünste aus aller Welt. Mit freundlicher Genehmigung von Dietmar Stubenbaum wird ein Teil des Interviews an dieser Stelle publiziert. Das vollständige Interview und viele weitere interessante Artikel können hier erworben werden.

 

Obwohl man prinzipiell nur von einem Chen-Stil Taijiquan sprechen kann, unterscheidet man heute verschiedene Stilarten. Die unbekannteste ist wohl Xiaojia, der kleine Rahmen des Chen-Stil Taijiquan. Chen Peishan, Nachfahre ist der 20. Generation des Chen Clans, erforschte tiefgründig die Evolution des Chen-Stil Taijiquan. 

 

Chen Peishancultura martialis: Herr Chen, in welchem Alter haben Sie begonnen, das Taijiquan Ihrer Familie zu lernen?

 

Chen Peishan: Die Frage wird mir oft gestellt, aber es ist schwierig, sie genau zu beantworten. Ich erinnere mich, dass während meiner Kindheit mein Vater Chen Lixian an unserer Residenz Taijiquan unterrichtete. Viele Leute besuchten uns, um von meinem Vater zu lernen. Während dieser Zeit übte ich mit den Schülern meines Vaters und folgte ihnen in ihren Bewegungen. Ich kann mich nicht genau erinnern, wann ich die erste Form (yilu) komplettiert habe. Es war ganz normal, dass, wann immer Schüler mein Elternhaus besuchten, ich mit ihnen trainierte. Damals gab es keine offiziellen Schulen und mein Vater unterrichtete nur bei uns zu Hause. Da jeden Tag unterschiedliche Schüler zum Lernen kamen, hatte ich viel Gelegenheit, die Lektionen immer wieder zu verfolgen und viele unterschiedliche Aspekte des Taijiquan kennen zu lernen. Rückblickend war das für mich eine einmalige Chance, schon in jungen Jahren Taijiquan sehr intensiv zu erleben.

 

cultura martialis: Wie viele Geschwister haben Sie? Haben sie alle Taijiquan von ihrem Vater gelernt?

 

Chen Peishan: Ich habe drei Geschwister. Meine ältere Schwester Peiqiu, meinen älteren Bruder Peilin sowie meine jüngere Schwester Peiju. Ja, wir haben alle von meinem Vater gelernt. Auch in schwierigeren Zeiten während und nach der Kulturrevolution. Das änderte sich allerdings, als meine Eltern älter wurden und die damaligen Lebensumstände auch immer mehr von uns abverlangten. Meine ältere Schwester hatte nun die Hauptaufgabe im Haushalt und half den jüngeren Geschwistern bei den alltäglichen Dingen. Für mich war Peiqiu fast wie meine Mutter, sie tat sehr viel für mich. Während dieser Zeit konnte sie nicht mehr so viel üben. Trotzdem kennt sie natürlich das Taijiquan unserer Familie sehr genau. Sie hat sich wirklich aufopfernd um ihre Geschwister gekümmert.

 

cultura martialis: Wer war Ihr Großvater? Haben sie ihn noch kennen gelernt?

 

Chen Peishan: Mein Großvater war Chen Hongen. Leider war er schon gestorben, als ich geboren wurde.

 

cultura martialis: Hat Ihr Vater wie Sie von seinem Vater gelernt?

 

Chen Peishan: Mein Vater lernte vor allem von Chen Honglie, dem Vater von Chen Liqing, meiner Tante. In meiner Familie sagte man, die Brüder Chen Hongen und Chen Honglie hätten nur einen Sohn und das sei mein Vater. Das ist darauf zurückzuführen, dass Chen Honglie keinen leiblichen Sohn hatte. Chen Honglie war ein großer Taijiquan-Meister. Das war der Grund, warum hauptsächlich mein Großonkel die Taijiquan-Ausbildung meines Vaters übernommen hatte. Meinte Tante Chen Liqing lernte Taijiquan zusammen mit meinem Vater. Sie ist auch die erste Frau, die im Familienstammbaum der Chen Taijiquan-Meister aufgeführt wurde.

 

cultura martialis: Haben Sie noch Ihren Großonkel Chen Honglie kennen gelernt?

 

Chen Peishan: Nein, leider nicht.

 

cultura martialis: Im Taijiquan der Chen-Familie gibt es zwei große Hauptströmungen: dajia (großer Rahmen) und xiaojia (kleiner Rahmen). Im großen Rahmen unterscheidet man außerdem zwischen laojia (alter Rahmen) und xinjia (neuer Rahmen). Können Sie uns sagen, wie es zu diesen Differenzierungen gekommen ist und gab es während Ihrer Kindheit schon solche Stilunterscheidungen?

 

Chen Peishan: So weit ich mich erinnern kann, wurde von xinjia in Chenjiagou erstmals um 1976 gesprochen. Während dieser Zeit kam Chen Zhaokui, der Sohn von Chen Fake, aus Beijing in das Dorf Chenjiagou zurück, um dort Taijiquan zu unterrichten. Damals versammelten sich die lernwilligen Schüler morgens auf dem Dorfplatz, um von Chen Zhaokui zu lernen. Der stand oft auf einem Podest, welches extra aufgestellt wurde, damit man ihn bei seinen Taijiquan-Aufführungen besser sehen konnte. Abends unterrichtete er eine kleine Gruppe ausgewählter Schüler. Diese standen in der Gunst, die Form (taolu) mit vielen Details und fajin-Bewegungen zu erlernen.

Während der Kulturrevolution konnte Taijiquan eigentlich nur versteckt geübt werden. Viele Meister verließen das Dorf, um woanders, im Untergrund, zu leben. Es gab Verschleppung, Inhaftierung und viele schlimme Dinge in dieser Zeit. Chen Zhaokuis Vorführungen unterschieden sich von den Formen, die damals im Dorf im großen Rahmen praktiziert wurden. Wahrscheinlich führte das bei manchen Dorfbewohnern zur Vermutung, es müsse sich hier um etwas Neues oder eine neue Form (xinjia) handeln.

Während dieser Zeit war ich in Chejiagou zu Besuch bei Verwandten. Chen Zhaokui war Gast im Haus meines Onkels Chen Lizhou, in dem Chen Yu, der Sohn von Chen Zhaokui, und ich viel zusammen waren. Wie gesagt hatte meines Wissens niemand vor dieser Zeit über einen neuen oder alten Rahmen im Dorf gesprochen. Die Bezeichnungen großer und kleiner Rahmen waren aber durchaus geläufig.

 

cultura martialis: Die Form Chen Zhaokuis oder die Art ihrer Ausführung war also für viele in Chenjiagou unbekannt?

 

Chen Peishan: Damals konnte man hierzu von niemandem eine genaue Erklärung hören. Selbst heute ist die Frage nicht ganz geklärt, warum die Form Chen Zhaokuis als xinjia bezeichnet wird. Es ist zwischenzeitlich einfach üblich geworden, diese Bezeichnung zu verwenden. Umstritten ist auch, ob das sogenannte xinjia als Form von Chen Fake kompiliert wurde oder ob es sogar älteren Ursprungs ist. Für den Außenstehenden muss das Ganze jedenfalls sehr verwirrend erscheinen.

Mein Vater sagte mir, dass das sogenannte xinjia ein gongfujia - ein höheres Level - im dajia darstelle. Das bedeutet, dass man diese taolu nicht zu früh lernen sollte. Xinjia würde somit nur einen weiteren Schritt im Ausbildungsverlauf des großen Rahmens darstellen, um das gongfu heranzubilden und andere fortgeschrittenere Elemente wie z.B. das fajin zu lernen. Es ist wichtig für die Schüler des Taijiquan, nicht zu früh damit zu beginnen, das jin auszustoßen (fa). Dafür werden höhere Fertigkeiten im Taijiquan vorausgesetzt. Wenn das fajin-Training nicht von einem guten Meister unterrichtet und im richtigeren Lehrweg vorbereitet wurde, besteht die Gefahr, dass die Organe bei einer falschen Ausführung des Ausstoßens verletzt werden können. Darum sollte das gewissenhafte Erlernen der wichtigen Grundlagen immer im Vordergrund stehen.

 

cultura martialis: Die Bezeichnung xinjia taucht aber nicht nur im Zusammenhang mit dem großen Rahmen auf. Es wird auch gesagt, dass Chen Youben, 14. Generation des Chen-Clans, auch für einen neuen Rahmen oder eine Methode (xinjia) verantwortlich war. Ist das richtig?

 

Chen Peishan: Ich denke nicht, dass Chen Youben für eine neue Form in solch einem Zusammenhang verantwortlich ist. Die Chen Youben- und xinjia-These wurde vor einigen Jahren in einer Buchpublikation von Chen Zhenglei veröffentlicht und ist somit erstmals von einem Mitglied des Chen-Clans propagiert. Die Überlieferungen in Chenjiagou erwähnen diese jedoch nicht.

Eine durchaus bekannte Begebenheit in Chenjiagou ist hingegen, dass Chen Youben mit gewissen Veränderungen Chen Gengyun, den Sohn von Chen Zhangxing (aka Changxing) unterwiesen hatte. Dass Chen Gengyun von Chen Youben lernte, wurde im Chen Shi Jiasheng (der Genealogie der Chen-Familie) festgehalten. Chen Youben kommt aus der 14. Generation und Chen Gengyun aus der 15. Generation. Meiner Ansicht nach ist bei all diesem Stil- und Formenwirrwar nicht das xinjia, dajia usw. von jemand einzelnem "kreiert" worden. Vielmehr stellt es lediglich eine natürliche Evolution im Taijiquan durch all seine unterliegenden Einflüsse dar. Es ist etwas Lebendiges, etwas, das einer immerwährenden Entwicklung unterliegt. In der heutigen Generation des Taijiquan wird z.B. niemand seine Form genauso ausüben können, wie Chen Zhangxing oder Chen Youben es zu ihrere Zeit gemacht haben.

Wie gesagt ist das ein natürlicher Prozess, der nicht nur in den unterschiedlichen Stilprägungen stattgefunden hat oder stattfindet. Auch in unterschiedlichen Regionen des Dorfes konnte sich so etwas widerspiegeln. D.h., dass eine gewisse Lehrmethode auch durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Blutsabstammung vermittelt werden konnte und die Clans eben in unterschiedlichen Bezirken des Dorfes wohnten. Die Familien, die sich in Chenjiagou im dajia üben, stammen aus einer anderen Abstammung als die meiner Familie (xiaojia). Man sagt, dass sich diese Trennung fünf Generationen vor Chen Wangting vollzogen hatte. [...]

 

cultura martialis: Als Mitglied der chen-Familie und Vertreter der xiaojia-Methode haben Sie sehr viel Erfahrung mit dem Chen Taijiquan. Können Sie uns Unterschiede zwischen den Lehrmethoden im dajia und xiaojia nennen?

 

Chen Peishan: Es gibt sicher viele Unterschiede. In einem Buch über Taijiquan wurde einmal gesagt: "Wenn man die kleinen Kreise im xiaojia größer ausführt, wird daraus dajia." Und umgekehrt wird daraus xiaojia, wenn man im dajia die Kreise verkleinert. Das ist meiner Meinung nach nicht wahr. Dajia und xiaojia haben unterschiedliche Methoden in Form und Anwendung. In beiden Stilarten gibt es große und kleine Kreisbewegungen. Der Radius des Kreises stellt hier also nicht notwendigerweise den Unterschied zwischen den Lehrmethoden dar.

Üblicherweise wird im großen Rahmen die Ausführung der Form mit ausladenden Drehbewegungen in den Hüften prakiziert. Die Bewegungen erscheinen äußerlich aktiver. Im direkten Vergleich werden gegenüber dem xjaojia viele Posistionen weit geöffnet. [...]

Es bestehen also zuerst einmal klare Unterschiede zwischen den Formen und dem Charakter der Ausführung, wobei dajia sich eher offen und mit größeren Drehbwegungen darstellt. Xiaojia wirkt ruhiger und geschlossener. Weiter bestehen Unterschiede in der Theorie. Hier gibt es wirklich viele Differenzierungen. Ein Beispiel ist der Unterschied zwischen kaidang (den Damm öffnen) und yuandang (den Damm runden). Dajia öffnet vorne den dang (qiandang) sehr weit und xiaojia schließt qiandang. Manche machen hier im xiaojia den Fehler, die Knie zu weit nach innen zu kippen. Im xiaojia sollte der dang nicht nur vorne geschlossen werden, sondern immer gerundet sein. Ein anderer Unterschied ist, dass xiaojia qiandang (den Damm hinten) öffnet, sodass sich das Gesäß senkt und das Becken und die Lendenwirbelsäule nicht nach vorne forciert werden.

Wenn man houdang öffnet, kann man qiandang in einem Kreis auf natürliche Weise schließen. Den gerundeten dang in der Bewegung stabil zu halten, scheint im dajia nicht offensichtlich; im xiaojia ist es ein wesentliches Kriterium. Es ist hier natürlich unmöglich, alle Unterschiede zu erwähnen. Ein wesentlicher Punkt ist aber noch, dass auch die Kampfanwendungen der Form ziemlich verschieden sind. [...]

 

Das vollständige Interview und viele weitere Artikel finden sich in der cultura maritalis! 

 

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